Entfaltung der
Zwischenwelten
Die Bedeutung des emotionalen
Dialogs für den landwirtschaftlichen Organismus
Jutta Watzlawik in Hagia Chora. Zeitschrift
für Geomantie. 18/2004
Noch nie in der
Geschichte der westlich geprägten Länder haben so wenige Menschen in der
Landwirtschaft gearbeitet und diesen Bereich emotional gestützt wie heute – für
Jutta Watzlawik Anlass zum Nachdenken, wie hier geomantische Heilungsarbeit
möglich ist.
Die Beziehung des Menschen zur Natur und zu den
Tierwesen ist so alt wie das Menschsein selbst. Frauen und Männer wurden von
dem sie umgebenden Naturraum geprägt und gestalteten ihrerseits das Gesicht der
Landschaft, in der sie nomadisch umherzogen oder siedelnd Pflanzen säten. In
allen Völkern entstanden Mythen und Geschichten über Wesen, die in den Pflanzen
und Bäumen leben, über Göttinnen und Götter, die sich vermählen, um die
Fruchtbarkeit der Erde für ein weiteres Jahr zu erneuern, von bösen Mächten,
die Dürre oder Wasserfluten bringen und von der Erdmutter, die fruchtbar und
furchtbar zugleich ist.
Mit dem Verblassen der Kraft der Mythen begann der
Aufstieg der Kraft des analytischen, zielgerichteten Denkens in der
Menschheitsgeschichte. Symbolisiert wird diese Entwicklung durch die
Transformation eines Mythos: Die seit minoischer Zeit verehrte, friedliebende
Hausgöttin Athene wird im spätgriechischen Mythos zur kriegerischen
Schutzgöttin Pallas Athene. Diese entspringt bereits
erwachsen und zum Kampf gerüstet dem Haupt des Göttervaters Zeus, nachdem
ihm Hephaistos mit einer Streitaxt den
Schädel gespalten hatte. Athene, das zur Gestalt gewordene intellektuelle
Wissen, lehrte die Menschen Kriegslist und politische Klugheit. Sie war als Göttin der Künste und des
Handwerks auch Schutzgöttin des Ackerbaus, schenkte den Menschen Pflug und
Flöte und lehrte sie die Kunst der Viehzucht. Als Göttin des Ackerbaus kam ihr
in den religiösen Zusammenhängen der spätgriechischen Zeit die gleiche
Bedeutung zu wie der mächtigen Erdgöttin Demeter, die lange Zeit als einzige
Schützerin von Getreide und Ernte verehrt worden war. So klingt im
spätgriechischen Mythos der Pallas Athene die Kunde
von den Anfängen des technischen landwirtschaftlichen Fortschritts an. Das
Zeitalter der landwirtschaftlichen Produktion und damit einhergehend die
Vermarktung der Erde im Abendland begann.
Das innere Schauen
Als Stadtkind näherte ich mich dem Thema
Landwirtschaft zunächst auf dem intellektuellen Weg, schloss ein Studium der
Landwirtschaft ab und spürte dennoch allzu deutlich, dass ich weit davon
entfernt war, die inneren Gesetzmäßigkeiten des Ackerbaus und der Tierhaltung,
ja die innere Qualität eines landwirtschaftlichen Organismus überhaupt zu
erspüren.
Meinem Herzen folgend, suchte ich die Einsamkeit
und übte drei Jahre lang den archaischen Beruf der Schäferin aus. Im Ablauf der
Jahreszeiten, in denen ich Tag für Tag auf Wiesen, Heideflächen, auf Äckern und
Landschaftsschutzgebieten meine Schafe hütete, entwickelte sich in mir
allmählich der Zugang zu einer tieferen Schicht der Wahrnehmungsfähigkeit für
Tiere und Pflanzen, für Symbolik und Qualität der verschiedenen Naturräume. Das
geistige Prinzip der Herde teilte sich mir anfangs dadurch mit, dass einzelne
Schafe sich mir ohne Einwirkungen von außen oder meiner eigenen Einflussnahme
näherten und dabei handzahm waren. Dies ist bei einer Herde von 300 Schafen
höchst ungewöhnlich, da die Beziehung zum Einzeltier aufgrund der Herdengröße
sehr gering ist. Dabei hatte jedes dieser vier, fünf Tiere eine besondere
Funktion, und erst die Zusammenschau dessen, was jedes in seiner Art
ausdrückte, ließ auf ein übergeordnetes geistiges Prinzip schließen, das mich
teilhaben ließ an dem inneren Rhythmus der Herde und der besonderen Weisheit,
mit der die Herde ihre Zeitphasen gestaltete oder ihre Bedürfnisse
artikulierte.
Nachdem sich eine bestimmte Sicherheit des inneren
Schauens und Spürens in mir gefestigt hatte, begann ein aktiver Dialog mit der
Gruppenseele der Herde. Alles, was ich zu tun hatte, war, auf den richtigen
Augenblick zu achten und ein Dialog, der weit über die reine Befindlichkeit der
Herde hinausführte, konnte entstehen. Nach und nach eröffnete sich mir durch
den Kontakt mit dem Herdengeist das Geheimnis der Orte und ihrer Aura. So gab
es Orte, die Ruhe und Harmonie ausstrahlten, die Schafe standen hier ruhig,
selbst wenn kaum Futter zur Verfügung stand. Es gab Plätze, die den Schafen
einen Bewegungsimpuls vermittelten, sie sprangen und tobten spielerisch umher
mit der Folge, dass hier das Futter nicht gefressen, sondern regelmäßig
niedergetrampelt wurde. Mit keiner hütetechnischen Maßnahme kam ich dagegen an.
Und manchmal passierte es, dass die Tiere nur kurz auf dem Gehüt standen und,
obwohl genügend Futter vorhanden war, immer wieder fort drängten. Jede
Kleinigkeit ließ die Herde aufschrecken und zusammenlaufen, um sich zu
schützen. Ich nahm eine bedrohliche, auch mir unangenehme Energie war. Trotzdem
versuchte ich die Herde auf diesem Platz zu halten, da ich das gute Futter
genutzt haben wollte. Dann konnte es sogar passieren, dass sich die Herde
angeführt von einem der Leitschafe demonstrativ hinlegte und mir auf diese
Weise mitteilte, dass dieser Ort für ein sinnliches Fressvergnügen ungeeignet
war.
Schließlich war ich mehr und mehr in der Lage, auch
kraft meiner eigenen Intuition die spezifische Ausstrahlung eines Ortes
wahrzunehmen und darauf zu achten, in welchem feinstofflichen Austausch die
Herde mit ihrer Umgebung stand.
So scheint es die Eigenschaft einer Schafherde zu
sein, die Aura des landwirtschaftlichen Betriebes, der sie zugehörig ist,
auszudehnen. Die horizontal verlaufenden Kraftströme werden durch die Schafe
angeregt, so dass insgesamt ein regerer Austausch zwischen den Pflanzen auf
einem Feld, aber auch zwischen den Feldern stattfindet. Die Pflanzen werden
„wacher“, sind angeregt und dieser Zustand ist jeweils als beschwingte Lebendigkeit
für einige Tage wahrnehmbar.
Ganz anders verhält sich dies bei einer Kuhherde.
Befindet sich eine Kuhherde auf der Weide, so zeigt sich dem inneren Auge eine
Intensivierung der vertikalen Energieströme. Es sind nicht die Pflanzen, die
eine energetische Anregung erfahren, sondern der Boden. Das Pulsieren des
irdischen feinstofflichen Energienetzes wird stärker, klarer und harmonischer.
Dabei rhythmisieren sich die Bodenprozesse; der inhärente Rhythmus der Erdkräfte
wird nicht beschleunigt, sondern kräftigt und ihre Ausstrahlung dehnt sich
weiter vertikal aus. Gehörnte Kühe nehmen zusätzlich kosmische Schwingungen auf
und geben sie an die Erde weiter. Je
mehr die Tiere durch artgerechte Ernährung und Haltung offen in ihren
Beziehungen zum Umfeld sind, desto intensiver der Austausch, desto vielfältiger
der Dialog.
Für diese Art des Dialogs zwischen Natur, Pflanzen,
Tieren, Erde, Mensch und geistigen Wesenheiten verwende ich den Begriff der
emotionalen Kommunikation.
Emotionale Kommunikation
Im Bereich des Physischen und Intellektuellen haben
wir Menschen uns im Laufe der Jahrtausende durchaus profiliert. Heute können
wir auf dieser Ebene nur noch wenig dazulernen und müssen erkennen, dass wir
allein über die Ebene des Verstandes Lebens- und Naturprozesse nicht begreifen
und mit ihnen in Beziehung treten können. Unser auf Analyse und Trennung sowie
auf Be- und Verurteilung ausgerichtetes Denken ging und geht einher mit zahlreichen
Verletzungen und einer lebensfeindlichen Haltung allen Naturvorgängen und der
Erde selbst gegenüber. Nun stehen wir bekanntermaßen vor der Aufgabe die
anerzogenen und über Generationen in uns verankerten Strukturen des polaren Denkens
zu überwinden, das heißt an den Trennstellen zu arbeiten, an den Schnittstellen
zu heilen, Übergänge zu schaffen, Barrieren abzutragen, den Fluss der Energien
wieder herzustellen, das „Entweder – Oder“ in ein „Sowohl als auch“ zu
transformieren, Herzenstüren zu öffnen. Dabei ist nicht gemeint,
Gegensätzliches im Sinne des Gleichmachens zu vereinen, sondern trennende
Verkrustungen zu lösen, damit sich die Dynamik der Pole frei entfalten kann und
sich dadurch eine neue Entwicklungsstufe vorbereitet.
Genau in diesen heute so wichtigen Zusammenhängen
des Heilens von trennenden Strukturen sehe ich die große Bedeutung und das enorme Potenzial eines auf der
emotionalen Ebene geführten Austausches. Der Begriff Emotion verdient es von
seinen negativen Konnotationen befreit zu werden. Denn abgeleitet von der
eigentlichen Wortbedeutung ist Emotion nichts anderes als die Bewegung nach
außen, die Bewegung aus sich heraus (lat. e-movere: hinausschaffen). Eine kultivierte
Emotionsfähigkeit beschreibt das, was man schon immer unter dem altertümlichen
Begriff der „Herzensbildung“ verstanden hat. Wenn wir unsere Emotionsfähigkeit
kultivieren, öffnen wir uns auch einer Kommunikation zwischen verschiedensten
Naturreichen und Wesen zu öffnen, ohne unser Selbst allzu sehr in den
Vordergrund zu drängen. Basis für diese emotionale Dialogfähigkeit sind
Offenheit und Hingabe. Während einer Meditation in einem Kornkreis offenbarte
sich mir vor einigen Jahren, dass Hingabe und Offenheit als die wesentlichen
Attribute der männlichen und weiblichen Qualität in unserer Zeit zu sehen sind.
Dabei entspricht der Offenheit die weibliche, so genannte passive Seite, und
der Hingabe die männliche, so genannte aktive Seite. Diese beiden Aspekte sind
nicht nur die Schlüssel für jede Art von intuitiver Wahrnehmung, sondern auch
Grundlage für alle therapeutische Tätigkeit. Offenheit bedeutet, die eigenen
Konzepte loszulassen und sich durchlässig zu machen für die Wirklichkeitsebene
des Gegenübers. Hingabe heißt die Barriere der Trennung aufzulösen, sich zu geben
ohne sich selbst zu verlieren.
Die eigene emotionale Dialogfähigkeit basierend auf
Offenheit und Hingabe bildet nicht nur die Grundvoraussetzung der geomantischen
Analyse, sondern steht gleichzeitig auch im Fokus der Heilarbeit und der
Harmonisierung auf den Ebenen, auf denen die Fähigkeit zum Austausch im
weitesten Sinne verloren gegangen ist.
Emotionaler Dialog in
landwirtschaftlichen Zusammenhängen
Wie es in den wenigen oben angeführten Beispielen
bereits angeklungen ist, sehe ich den landwirtschaftlichen Organismus durch
eine Bündelung von energetischen, feinstofflichen Prozessen, die nicht zuletzt
auch dadurch entstehen, dass hier Naturraum und Kulturraum zusammenfallen. Die
Menschen stehen kontinuierlich in dynamischer Beziehung zu Lebens- und
Sterbeprozessen, zu Transformationsprozessen jeglicher Art, sie sind Wandernde
zwischen den Welten der Naturreiche und des Kosmos. Indem hier Lebenskräfte
aller Dimensionen zusammenwirken, entstehen die Grundnahrungsmittel für unseren
sozialen Organismus.
Es ist wichtig, dass die Nahrungsmittel heute
wieder eine lebensfördernde Information
und eine gehaltvolle Qualität erhalten, die den Bedürfnissen unserer Zeit
genügen. Und nicht nur das. Auch in Bezug auf Pflanzen und Tiere und vor allem
in Bezug auf die Erde, deren Lebendigkeit durch den Jahrhunderte währenden
Anbau von Kulturpflanzen ständig abnimmt und die durch den Einsatz von Chemie
zum bloßen Substrat degenerieren musste, ist emotionale Heilung und
Harmonisierung notwendig.
Betrachten wir einen landwirtschaftlichen Betrieb
unter geomantischen Gesichtspunkten, ist oft der Aspekt von Trennung das Erste,
was wir unmittelbar intuitiv wahrnehmen. Dies hat einen vielfältigen Ursprung:
Die Kühe sind nicht mehr im Bauernhaus, sondern in einem eigenen Stallgebäude
untergebracht, die Felder liegen nur noch teilweise in der Nähe der Hofstelle,
der Straßenbau fordert Tribut in Form von Ackerboden, die wirtschaftliche
Situation ist bedrohlich und nährt den Gedanken alles aufzugeben. Die
Verbindung zwischen Erde und Tieren scheint verloren, die traditionellen
Maßnahmen des naturnahen Anbaus greifen oft auch bei größten Anstrengungen und
biologischer Bewirtschaftung nicht mehr. Die Menschen auf den Höfen sind trotz
ihres Idealismus vielfach ausgelaugt, frustriert, fühlen sich überarbeitet und
alleingelassen ohne Anerkennung und Unterstützung durch das politische und
soziale System. Und wenn der Hof in der Nähe eines keltischen oder
germanischen Kraftortes
liegt, was gerade bei älteren Hofstellen öfter der Fall ist, so spürt man auf
einer tiefen Schicht den schmerzvollen und erzwungenen Abschied von der
Urreligion und das Kreuz der Zwangschristianisierung.
Meine geomantische Arbeit in landwirtschaftlichen
Zusammenhängen begann, als Freunde mich um Hilfe baten. Sie erzählten von immer größeren inneren
Widerständen, denen sie beim Betreten des elterlichen Hofes begegneten. Sie
erzählten von kranken und unfruchtbaren Kühen und der zunehmenden Isolation, in
der die auf dem Hof lebenden und arbeitenden Menschen hineinzugleiten schienen,
ohne sich dessen wirklich bewusst zu werden. Wir beschlossen ein Wochenende
lang geomantisch auf dem und für den Hof zu arbeiten.
Im Allgemeinen beginne ich mit der geomantischen
Analyse, indem ich mit der Hand über die geografische Karte Kontakt mit dem
Hoforganismus aufnehme. Nach einer Zeit der Annäherung trete ich in einen
emotionalen Dialog mit dem geistigen Prinzip des Hofes und gewinne so
Informationen von der allgemeinen energetischen Situation. So werden recht
schnell bestimmte Problemzonen und Kraftfelder geortet, in die der Hof
eingebettet ist. Während einer anschließenden Ortsbegehung modifiziert sich das
Bild vom inneren Zustand des Hoforganismus.
Die Wand des Schweigens
In dem
Beispiel befand sich neben dem Bauernhaus ein Waldbereich, den ich sowohl auf
der Karte als auch vor Ort als sehr belastet wahrgenommen hatte. Meine Freunde
erinnerten sich daran, dass sie als Kinder nie hier spielen wollten, sondern
stets in dem Wald auf der anderen Seite des elterlichen Hofes. Dabei gab es
hinsichtlich der Vegetation keinerlei Unterschiede zwischen den beiden Flächen.
Als wir uns darum bemühten, diesen Empfindungen auf den Grund zu gehen, sahen
wir uns vor ein Problem gestellt, das ich aufgrund meiner bisherigen Erfahrung
als typisch für die geomantische Arbeit in landwirtschaftlichen Zusammenhängen
beschreiben möchte: die Schweigsamkeit und emotionale Zurückhaltung der
Menschen, die in bäuerlichen Zusammenhängen aufgewachsen sind. Dies trifft
besonders auf die ältere Generation zu. Über leidvolle Geschehnisse und
schmerzhafte Erfahrungen wird nicht gesprochen, nicht einmal innerhalb der
eigenen Familie, und schon gar nicht dringt irgendetwas nach außen. Das gilt
für aktuelle und frühere Ereignisse gleichermaßen.
Angesichts dieser Wand des Schweigens wird es
geomantisch oft notwendig sein auf der rein intuitiven Ebene des emotionalen
Dialogs weiterzuarbeiten. Die einzige physisch reale Information, die uns hier
weiterhalf, war gerade noch sichtbar: Durch diesen Wald hatte ein alter, stark
frequentierter Weg geführt, der in Folge der Technisierung des landwirtschaftlichen
Betriebes und der dadurch notwendig gewordenen Anlage eines neuen, breiteren
Weges überflüssig geworden war. Heute ist er völlig zugewachsen und fast vergessen. Das Begehen des Weges hatte
ein harmonisches Fließen erzeugt, das nun zum Stillstand gekommen war, sich
staute, stagnierte; es teilte sich nun primär als schwarzer einengender,
emotionaler Sumpf unserer inneren Wahrnehmung mit. Was auch immer auf und
entlang dieses Weges geschehen war, hing unaufgelöst in einigen Bereichen des
Waldes. Hier galt es, sich den unangenehmen Energien zu stellen, den emotionalen
Dialog zu führen, aufzulösen, zu durchlichten. Als Ergebnis unseres Gesprächs
mit dem Ort setzten wir an bestimmten Stellen Bergkristalle, um neue Impulse zu
geben.
Neben dem alten Bauernhaus muteten wir auch eine
Drachenlinie, deren Verlauf immer wieder durch hohe Eschen markiert wird. An
der Hofeinfahrt steht ein großes altes steinernes Hofkreuz, das dem Besucher
wie ein Hofmotto eindringlich die Botschaft vor Augen führt: unter diesem
Zeichen wird gearbeitet und gelitten, in seinem Namen wird geduldet und nicht
geklagt. Der Hof liegt in einer Region, in der das Christentum einst unter Karl
dem Großen mit dem Schwert eingeführt worden war.
Nachdem ich mich vor dem Kreuz stehend in die Schwingung
des emotionalen Dialogs versetzt hatte, teilte sich mir unter den Schichten von
Trauer und Schmerz etwas mit, dessen Qualität ich als freudvoll und stark
beschreiben kann, und das sich leise wie ein Lied aus uralten Zeiten in meine
Wahrnehmung schlich. Offensichtlich befand sich hier ein Ort, der sich durch
starke weibliche Qualitäten auszeichnete, die jedoch durch das Zeichen des
Christuskreuzes unterdrückt wurden und in einer Art Verpuppungszustand ruhten.
In einem anschließenden Gespräch mit der alten, katholischen Bauersfrau,
brachte ich das Thema auf das Kreuz und den Platz, auf dem es steht. Und ohne
es vorher bedacht zu haben, stellte sich aus mir heraus die Frage an sie, ob es
auf diesem Hof auch Ulmen gebe oder gegeben habe. In der altnordischen
Mythologie nämlich schufen die Götter aus einer Esche und einer Ulme die ersten
Menschen. Die Esche wurde zum Mann, die Ulme zur Frau. Zu meinem und meiner
Freunde Erstaunen erzählte die Frau, dass drei sehr alte Ulmen einst neben dem
Steinkreuz gestanden hätten, die ihr Großvater fällen musste, da sie krank
waren. Trotzdem schlug eine Ulme wieder aus und wuchs erneut zu einem
prächtigen Baum heran, der jedoch vor einigen Jahren Opfer des Ulmensterbens
wurde und wieder gefällt wurde. Doch auch aus diesem Stamm, würden bereits
wieder Reiser treiben und möglicherweise noch einmal ein Baum heranwachsen, was
sie persönlich sehr erhoffte. Ich hatte wohl den Baumstumpf gesehen, mir über seine Identität jedoch keine weiteren
Gedanken gemacht. Meinem Herzen allerdings hatte sich die Ulmenwesenheit, sehr
wohl mitgeteilt.
Selbstverständlich ist es unmöglich den Bewohnern
des Hofes, die zumeist den alten Werten sehr nachhängen, vorzuschlagen: „Nehmt
das Kreuz da weg und setzt eine Madonna an seine Stelle!“ Der Weg ist hier ein
anderer. Ergibt die energetische Diagnose ein Kräftedefizit auf mehreren
Ebenen, wird der erste Schritt der Harmonisierung immer darin bestehen, das
allgemeine Energieniveau anzuheben, so dass sich langsam wieder Bedingungen einstellen,
die gemeinsame Entscheidungen für notwendige Veränderungen ermöglichen. Eine
solche Initialmaßnahme zur Ersten Hilfe lässt sich oft nach einer gemeinsamen
Meditation mit einer Gruppe von Menschen, denen der landwirtschaftliche Betrieb
besonders am Herzen liegt, installieren. Auch hier greift die Kraft des
Augenblicks und das Potenzial des emotionalen Dialogs, der sich von Herz zu
Herz und ohne Worte führen lässt. In unserem Fall hatten wir alle während unserer Meditation die gleiche Eingebung: wir
sahen das Symbol des Dreiecks und den Hof innerhalb des Dreiecks liegen. Anhand
der Flurkarte richteten wir das Dreieck aus und markierten mit Kupferstäben die
Eckpunkte vor Ort. Der Anfang war gemacht.
Die Zusammenarbeit mit meinen Freunden und den
Hofbesitzern machte mir nochmals deutlich, wie emotionale Kommunikation
funktioniert und dabei eine andere, symbolische Ebene des Dialogs eine
wesentliche Rolle spielt. Die Heilarbeit auf einem landwirtschaftlichen Betrieb
wird immer äußerst komplex sein und erfordert deswegen eine Menschengruppe, die
sich zusammenfindet, um die feinstoffliche Balance des Hoforganismus wieder
herzustellen. Dies braucht Zeit und Geduld und einen Methode, die sich dem
Rhythmus des Ortes angleicht. Besonders auf Höfen, deren Geschichte weit zurückgeht,
ist im hohen Maße Sensibilität erforderlich. Am wenigsten hilft Angst vor
negativen Kräften vor Schattenwesen oder so genannten dunklen Mächten weiter.
Solche Angst löst sich auf im Vertrauen, dass alles, was existiert letztendlich
eins ist. Wenn ich in der Mitte des Labyrinths aus Angst unfähig bin dem Minotauros, das heißt meinem eigenen Schatten,
gegenüberzutreten, dann gibt es keinen Weg für mich aus dem Labyrinth hinaus.
Arbeiten wir nicht allein, sondern als Gruppe, so wird unsere Kraft größer, da
das Spektrum an emotionalen Fähigkeiten sich weitet und sich der Austausch und
die innere Wahrnehmung intensiviert.
Gemeinsame geomantische Arbeit
Wir sehen, dass sich die geomantische Arbeit in
diesen Zusammenhängen buchstäblich über ein weites Feld erstreckt und auf
vielen Ebenen Impulse, geben kann. Wir stehen hier am Anfang einer großen,
langfristigen Aufgabe, die nicht allein die in der Landwirtschaft tätigen
Menschen und eine Gruppe von Geomantinnen und Geomanten bewältigen können. Es
bedarf größerer Gruppen von Menschen, die mithelfen den Austausch zwischen
Kosmos, Erde, Pflanzen, Tieren und den unsichtbaren Welten zu intensivieren,
und die bereit sind, sich auf diesem Gebiet fortzubilden. Frauen und Männer aus
Landwirtschaft, Gärtnerei und Geomantie könnten hier mit den Verbraucherinnen
und Verbrauchern zusammenwirken und sich durch Erfahrungsaustausch schulen.
Ähnlich wie Stadtheilungsgruppen sich unter
geomantischer Anleitung der Harmonisierung ihrer städtischen Umgebung widmen,
ist es denkbar und wünschenswert, dass sich Menschengruppen zusammenfinden, die
durch praktische und intuitive Arbeit einen Hof unterstützen und damit dazu
beitragen, dass landwirtschaftlichen Betriebe zu Kultur- und Schulungsstätten
werden können, auf denen sich durch eine emotionale Kommunikation Zwischenwelten
entfalten, die eine neue Stufe der Bewusstseinsentwicklung vorantreiben.
Lünen, Februar 2004